Der Ritualbegleiter

"In meinen Ritualen soll es immer Platz haben fürs Schmunzeln oder Lachen, aber auch fürs Innehalten, Nachdenken oder für eine Träne."

So Valentin Abgottspon in einem Interview über seine Aufgabe als Ritualbegleiter. 

Interview: frei denken 3/2017 - Rituale, S. 10

 


Was motiviert dich? Weshalb bist du Ritualbegleiter geworden?

Im Beruf als Lehrer und als bekannt-berüchtigter Freidenker stehe ich immer wieder vor Menschen und habe etwas zu erzählen. Ich spreche eigentlich ganz gerne vor Publikum und arbeite gerne kreativ mit Sprache und an Texten. Da lag es für mich nahe, auch mit Zeremonien Menschen bewegen zu wollen: mitzuhelfen, den angemessenen Rahmen für wichtige Ereignisse zu schaffen. Meine Fähigkeiten stelle ich gerne in den Dienst anderer. Es ist wichtig, dass wir Freidenkerinnen und Freidenker – Humanisten, Skeptikerinnen, Agnostiker, Atheistinnen usw. – positive Angebote für die Gemeinschaft und Gesellschaft bereithalten. 

Das heisst, dass wir den sozialen Aspekt unserer Arbeit nicht vergessen dürfen. Wir organisieren Treffen, ermöglichen den Austausch unter unseren Mitgliedern und Interessierten, beraten Menschen in schwierigen Situationen usw. Zu diesem zwischenmenschlichen Aspekt unserer Aktivitäten gehört aber eben auch, dass wir würdevolle, individuelle, passende, humorvolle Rituale gestalten.

 


Wie würdest Du ein weltlich-humanistisches Ritual beschreiben?

Der Mensch oder die Menschen, also z.B. das Brautpaar, die jungen Eltern, die Trauerfamilie bzw. der oder die Verstorbene stehen im Zentrum. Unsere weltlich-humanistischen Rituale sind diesseitig und menschlich. Sie sind deshalb aber nicht emotionslos oder langweilig! Da wir in der Gestaltung ganz frei sind, können wir auf die Wünsche unserer Auftraggeber eingehen. Es fehlt nichts. Dass unsere Rituale religiös neutral gestaltet sind, führt im Gegenteil dazu, dass es oft gerade besser passt. Allzu oft finden für Menschen, welche eigentlich mit Religion fast nichts am Hut hatten oder haben, religiöse Feiern statt. Es erfüllt mich mit Zuversicht, dass je länger desto weniger Paare den Kompromiss eingehen, sich in der Kirche etwas anhören zu müssen, das für sie eigentlich gar nicht mehr stimmt. Immer mehr Hinterbliebene eines frei denkenden Menschen wollen es der Trauergemeinde nicht mehr zumuten, an einer religiösen Abschiedsfeier teilnehmen zu müssen, während welcher sie an vielen Stellen «weghören» müssen und Stellen und Sprüche ertragen müssen, die nicht zur verstorbenen Person passen.

Wir sind übrigens nicht irgendeine Alternative zu kirchlichen Angeboten. Wir bieten das an, was menschlich ist, das schon vor jeder Religion existierte. Menschen feierten und trauerten schon, bevor Kirchen und andere Religionsgemeinschaften diese Anlässe ritualisierten und für sich vereinnahmten. Es gibt Menschen, die keine oder wenig Rituale brauchen, andere hingegen möchten einer Wende oder einem wichtigen Punkt in ihrem Leben besonderen Raum geben. Für diese Menschen bieten wir unsere Rituale an. Ohne Bezug auf irgendein Jenseits, ohne Bullshit. Dafür mit viel Emotion und Humor, aber halt auch mit Vernunft und Tiefsinn.

 

In meinen Ritualen soll es immer Platz haben fürs Schmunzeln oder Lachen, aber auch fürs Innehalten, Nachdenken oder für eine Träne.

 


Was ist das Schönste an deiner Aufgabe? Hat mal was weniger gut geklappt?

Betrüblich war, dass einmal eine Location nicht vermietet wurde, nachdem die Zusage eigentlich schon stand. Der Grund war, dass der vorgesehene Ort der Zeremonie einer Kirche gehört und dann bekannt wurde, dass «der böse Freidenker Abgottspon» die Zeremonie leiten würde.

Noch habe ich keine Hochzeitszeremonie im Wallis geleitet. Das wird sich aber 2018 ändern, da habe ich schon eine Buchung in meinem Heimatkanton.

Zu den schönsten Momenten gehörte eine Hochzeit auf einer der Isole di Brissago im Lago Maggiore, welche ich in englischer und italienischer Sprache hielt. Und eines der nettesten Erlebnisse trug sich kürzlich zu, nachdem ich im Seeland eine walliserdeutsch-französischsprachige Hochzeitsfeier leitete. Nach der Zeremonie bekam ich einiges Lob und durchweg positive Rückmeldungen zu hören. Daran, und nach der Zeremonie in interessante Gespäche verwickelt zu werden, habe ich mich eigentlich schon gewöhnt. Folgendes war aber doch ausgesprochen aufstellend:

 

Ich kam mit einem der Hochzeitsgäste in eine längere, teils philosophische Diskussion. Zwischendurch fragte er mich: «Machst du eigentlich auch Beerdigungen?» – «Ja, Abschiedsfeiern gestalte ich auch.» – «Gut, dann schreibe ich dich in mein Testament.»